Ein Gebet zu Beginn:

„Ich bin hier. Und Du bist hier. Ich bete zu Dir. Und weiß: ich bin verbunden. Mit Dir. Mit anderen, die zu Dir beten. Genau jetzt. Genau so. Ich bin hier. Und Du bist hier. Das genügt. Und ich bringe Dir alles, was ist. Höre auf unser Gebet. Amen

 

Liebe Gemeinde,

ach, wie gerne wäre ich jetzt mit Ihnen in unserer Kirche versammelt, um gemeinsam zu singen, zu beten, über Gottes Wort nachzudenken und um miteinander zu sprechen. Das geht leider nicht. Es ist schon der dritte Sonntag, an dem die Kirche geschlossen bleiben muss. 

Die Fotografin Silke Tüxen hat uns dieses schöne Bild aus der Kirche zur Verfügung gestellt, das mir in dieser schwierigen Zeit Trost gibt. In Gedanken sehe ich die Kerzen vorne entzündet, sehe Gemeindeglieder in den Bänken und höre wunderbare Orgelmusik, die das Herz öffnet. Ich fühle  mich mit Ihnen verbunden. Wir bleiben im Gebet beieinander und denken aneinander.

Der Predigttext für den 5. Sonntag in der Passionszeit – Judika – steht im Hebräerbrief 13, 12-14: 

Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Der letzte Satz berührt mich sehr: Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Um Heimat geht es hier, um den Ort der Sehnsucht nach Unversehrtheit und Geborgenheit, um den Ort, an dem ich weiß: Hier gehöre ich hin. Hier will ich bleiben.

Wie wichtig dieser Ort für uns ist, wird uns gerade in diesen Tagen deutlich. Wir brauchen ein Dach über dem Kopf. Wir bergen uns innerhalb der eigenen vier Wände. Unser Zuhause wird zu einem Schutzraum gegen den viralen Feind.

Der Mensch muss wohnen, deshalb baut er unentwegt an seiner Welt. Doch Heimat ist mehr als nur das Dach über dem Kopf. Heimat ist auch das Gefühl, dazu zu gehören. Heimat ist all das, was mein Leben hier ausmacht: meine Familie, meine Freundschaften, mein Engagement in Beruf und Ehrenamt, die Tradition, in der ich aufgewachsen bin, die Erkenntnisse, die ich erworben habe – mein Glaube der mich trägt.

Und doch ist da noch mehr…. Irgendwie lässt sich dieses Bedürfnis nach Heimat nie wirklich stillen. Immer bleibt da ein merkwürdiges Gefühl, dass etwas fehlt. Es bleibt ein leises Heimweh – trotz aller Verbundenheit. Die Sehnsucht nach diesem Ort lässt nie ganz zur Ruhe kommen. Sie durchzieht wie ein untergründiger Strom unser Alltagsleben. Dieses Gefühl, dass wir uns auf dieser Erde nicht ganz zuhause fühlen.

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Was ist damit gemeint? Ist unser Leben nur eine Durchgangstation, die es zu überwinden gilt? Welche Konsequenzen hat es für unser Leben, dass nichts, was uns umgibt, Bestand hat?

Wenn wir Gefahr laufen, das Leben nur einseitig unter dem Aspekt der Vergänglichkeit und Vorläufigkeit zu sehen, dann versäumen wir die vielfältigen Gestaltungsräume, die Gott uns öffnen will. Gott hat uns unser Leben geschenkt. Mit jedem Atemzug, den wir betätigen, werden wir daran erinnert, dass sein Geist in uns lebendig ist. Er ist bei uns auch in dieser beunruhigenden Zeit, die geprägt ist von Angst, Ungewissheit und Traurigkeit. 

Diese Worte aus dem Hebräerbrief geben uns Halt und Zuversicht im HIER und JETZT. Sie sind keine Vertröstung, dass unsere Heimat nur im Himmel liegt – also fern von uns und unseren Schwierigkeiten. Unsere Heimat ist hier, wo wir sind und leben. Das ist unser Auftrag und das ist unser kostbares Geschenk. Und sie führt uns einmal weiter. Dorthin, wo wir hergekommen sind. In die Geborgenheit bei Gott. 

Die Suche nach der zukünftigen Heimat ist uns in unser Herz gelegt. Suchen meint ein ganzheitliches Hinwenden, ein Ausrichten nach ewig Beständigem. Dabei helfen Fragen wie: „Woran orientiere ich mich?“ „Wie tragfähig ist mein Lebenshaus und wie kann es lebendig bleiben?“ Letztlich geht es um Hingabe an Gott. Von ihm allein bezeugt die Bibel, dass er bleibend ist. Glauben heißt, mit Gott unterwegs zu sein, immer wieder neu aufzubrechen mit und zu ihm. Er trägt uns, wo immer wir gerade hocken mit unseren Ängsten, mit all den Fragen und dieser verunsicherten Situation.

Schauen wir noch einmal auf das schöne Bild aus unserer Kirche. Auf dem Altar steht das Kreuz. Dieses Kreuz lädt uns ein, einen Blick „hinter“ unsere Wirklichkeit zu wagen. Denn hinter dem Kreuz tut sich ein weiter Raum auf. In dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus berührt Gottes Ewigkeit schon jetzt unsere Zeit. Er nimmt Wohnung in uns und gibt unserem Leben schon jetzt eine neue Qualität.

Wir sind eingeladen, in der Gegenwart Gottes zu leben, immer mit der Sehnsucht im Herzen. Denn da kommt noch etwas! In Gottes Zukunft wartet nicht der Tod. In dieser Zukunft wartet das Leben. 

Der Zukunft entgegenblicken heißt, Gott entgegenblicken. Und Gott entgegenblicken heißt, dem Leben entgegenblicken. Und so nehmen wir diese Welt mit ihren Schrecken ins Gebet. Und vertrauen auf Gottes heilsame Gegenwart.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

 

Wir beten mit dem Gebet aus dem Michaeliskloster Hildesheim:

Gott. Wir sind verbunden. Als Menschen mit Menschen. Als Glaubende miteinander. Als Glaubende und Menschen mit Dir. Wir bringen Dir unsere Gedanken, unser Danken und unsere Sorgen. Heute.

Wir denken an alle, die wir lieben. Was tun sie gerade.

Wir denken an alle, die in diesen Zeiten noch einsamer sind.

Wir denken an alle Kranken. Und an alle Kranken in Krankenhäusern, die keinen Besuch haben können.

Wir denken an alle, die helfen. Sie setzen sich und ihre Kraft und ihre Gaben ein füreinander.

Gott. Wir sind Menschen. Wir sind miteinander verbunden. Atmen die Luft Deiner Schöpfung. Beten zu Dir in allem, was ist. Beten zu dir mit den Worten, die uns im Herzen wohnen:

Vater unser im Himmel…

Gott segne uns und behüte uns. Gott lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf uns gebe uns Frieden. Amen

 

Ihre Pastorin
Sabine Krüger